Saisonstart in Corona-Zeiten:

Verbände kämpfen für die Sportboot-Fahrer

Derzeit lacht nur die Sonne über den schiffbaren Gewässern – zahlreiche Freizeitskipper hingegen blicken von Land aus grimmig aufs Wasser, denn die Corona-Pandemie hat den Start in die Wassersportsaison gründlich verhagelt und die Ungeduld wächst, endlich aufs Wasser zu kommen. Motorboot Online sprach mit Klaus Michael Weber, Präsident des Bayerischen Motoryachtverbands und Vorsitzender des Verbandsrates des Deutschen Motoryachtverbandes (DMYV) über Wege an Bord und aufs Wasser. Der Verbandsrat ist ein Entscheidungsorgan des DMYV und besteht aus dem DMYV-Präsidium und den Präsidenten/Vorsitzenden der Landesverbände.

MotorBoot Online:

Herr Weber – welche Rolle spielen die Motorboot-Verbände bei der Vertretung der Interessen der Bootssportler in der derzeitigen Situation?

Klaus Michael Weber:

Klaus Michael Weber (Foto: Volker Göbner)

In der ersten Phase der Verordnungen war die Information über die Konsequenzen über unsere Mitgliedsvereine an die Skipper der wichtigste Teil.

In der aktuellen Phase, in der es um mögliche Lockerungen geht, üben wir eine starke Beratungsfunktion gegenüber den Entscheidungsträgern der Politik, Ämtern und Behörden aus.

Hier erarbeiten wir Lösungsansätze, die den Bootssport ermöglichen, ohne die Zielsetzung der Maßnahmen zu gefährden. Bei unserem aktuellen Thema kommt uns als Verbände auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung zu. Dies heißt auch: Werben um die Akzeptanz für die erforderlichen Schutzmaßnahmen.

“Den Verbänden kommt auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung zu…”

MotorBoot Online:

Mit welchen Stellen sind die Landesverbände in der Diskussion, gibt es konkrete Vorschläge der Verbände für einen geordneten Saisonstart und wenn – wie sehen die aus?

Klaus Michael Weber:

Wir bringen uns auf verschiedenen Ebenen ein. Über den Dachverband DMYV beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der die Interessen der Wassersportverbände auf Bundesebene einbringt, über unsere Landesverbände, die über die jeweiligen Landessportbünde agieren, aber auch mit den jeweiligen Landesregierungen in Kontakt sind.

Um den Saisonstart zu ermöglichen, sehen wir drei notwendige Stufen:

  1. Den Vereinen die Möglichkeit zu geben, ihre Steganlagen einzubringen
  2. Den Skippern die Möglichkeit zu geben, ihre Boote aus dem Winterlager in die Vereinshäfen zu bringen
  3. Den Skippern die Zugänge zu den Wassersportrevieren zu ermöglichen

Dies alles auf der Grundlage der Verordnungen, die das Zusammentreffen von Gruppen verhindern. Wir können dies mit Hilfe der Vorstände unserer Mitgliedsvereine steuern.

“…nicht einfach Forderungen aufstellen, sondern regionalspezifische Lösungsansätze aufzeigen.”

MotorBoot Online:

Gibt es eine Abstimmung unter den Landesverbänden und eine einheitliche Linie in Bezug auf die derzeitige Situation?

Klaus Michael Weber:

Ja, es finden regelmäßige Videokonferenzen des Verbandsrates statt, in denen wir die aktuelle Situation bewerten, uns beraten und abstimmen. Dabei wollen wir nicht einfach Forderungen aufstellen, sondern zeigen regionalspezifische Lösungsansätze auf, die das Ziel aller Maßnahmen nicht gefährdet.

Starke Truppe mit Kompetenz, Kontakten und Koordination. Die Mitglieder des DMYV Verbandsrates – hier anlässlich des Verbandstages in Berlin 2019 – kämpfen für die Wassersportler und behalten die Gesamtsituation im Blick.

MotorBoot Online:

Spüren sie Druck von der Basis, wenn es in einigen Bundesländern bereits erlaubt ist wieder zu fahren und in anderen nicht, und wie reagieren Sie darauf?

Klaus Michael Weber:

Aktuell leisten unsere Vereinsvorstände eine hervorragende, wenn auch schwierige Überzeugungsarbeit.

Der Druck nimmt mit jeder Phase von Erleichterungen zu, da immer eine Erklärung erwartet wird, warum wir nicht nachziehen können.

Im Übrigen kommt dies auch sehr stark von den nicht organisierten Skippern, bei denen in den Telefonaten sehr oft Informationsdefizite feststellbar sind.

Unsere Reaktion hierauf ist eine intensive Informationspolitik über die jeweilige Ist-Situation und welche Schritte wir als Verbände nun einleiten, aber auch unsere zeitliche Erwartung, wann hierüber mit neuen Entscheidungen zu rechnen ist.

In der Regel stoßen wir dann auf überwiegendes Verständnis.

” Eine offene Informationspolitik wird eine große Bedeutung haben. ”

MotorBoot Online:

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in Bezug auf die Umsetzung von Corona- Schutzmaßnahmen beim Bootssport?

Klaus Michael Weber:

Wenn unser Modell des Einstiegs in die Saison kommen sollte, wird sich der Vorteil des organisierten Wassersports bewähren. Dies bringt allerdings auch eine hohe Belastung für unsere Vereinsvorstände mit sich, die ja die Regeln und die Umsetzung der Verordnungen steuern müssen. Das Problem werden die nicht organisierten Bootssportler sein, denen erfahrungsgemäß der notwendige Informationsgrad fehlt und diese die Situation oft eher aus Ihrem Eigeninteresse bewerten.

Eine offene Informationspolitik wird auch weiterhin eine große Bedeutung haben.

“Solange Vereinsaktivitäten untersagt sind, wird auch eine Betreuung der Häfen nicht möglich sein…”

MotorBoot Online:

In einigen Bundesländern sind die Vereine ratlos, da der Bootssport zwar nicht verboten ist, aber die Infrastrukturen, wie z.B. die Stege nicht zur Verfügung gestellt werden können, da gemeinschaftliche Vereinsaktivitäten untersagt sind. Wie sieht die Problematik im Detail aus und sind die Dachverbände in die Suche nach einer Lösung eingebunden?

Klaus Michael Weber:

Solange Vereinsaktivitäten untersagt sind, wird auch eine Betreuung der Häfen nicht möglich sein. Es fehlt damit die notwendige Infrastruktur für Tourenskipper, die damit in erster Linie von den Konsequenzen betroffen sind.

Mögliche Lösungen können im ersten Schritt nur lokal über unsere Landesverbände geprüft und vorgeschlagen werden.

MotorBoot Online:

Mit Rücksicht und Verantwortung sind die Sicherheitsabstände in Häfen gut einzuhalten.

Die Politik macht z.T. Unterschiede zwischen gewerblichen Häfen und Marinas, in denen der Zugang zu den Booten gestattet ist und Vereinshäfen, wo die Skipper zur Untätigkeit verdammt auf dem Trockenen sitzen…

Klaus Michael Weber:

Diese Differenzierung ist aus meiner Sicht unverständlich. Hier gaben wohl wirtschaftliche Überlegungen der Politik den Ausschlag.

Die meisten Vereinshäfen sind da schon in Bezug auf die Größe im Vergleich zu den großen gewerblichen Marinas deutlich übersichtlicher, die Mitglieder kennen einander und nehmen Rücksicht. Absprachen und Verhaltensregeln sind so auch über die Vorstände einfach an die Mitglieder zu kommunizieren.

Hier scheint mir die Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln einfacher zu sein, von daher würde ich dafür plädieren, die Vereinshäfen hier nicht zu benachteiligen.

MotorBoot Online:

Wer an Motorbootsport denkt, der auch an Rennsport oder an Sportarten, die damit zusammenhängen, wie z.B. Wasserski- und Wakeboard fahren. Wie schätzen Sie die Situation in diesen Bereichen ein und wie die Aussichten für die Sportler in diesem Jahr noch aufs Wasser zu kommen?

Zahlreiche Rennsportveranstaltungen wurden bereits abgesagt.

Klaus Michael Weber:

Beides sind Einzelsportarten, die aus meiner Sicht unter die Erleichterung fallen sollten, da die Regeln hier eingehalten werden können. Bei Wettbewerben wird es Einzelfallentscheidungen geben, die die speziellen Veranstaltungsbedingten und örtlichen Bedingungen berücksichtigen werden.

“Der kritische Erfolgsfaktor in den nächsten Wochen wird das Verhalten der Bootssportler sein.“

MotorBoot Online:

Wie lautet Ihr Appell an die Skipper, die ungeduldig sind, endlich aufs Wasser zu können?

Klaus Michael Weber:

Sich aktuell, insbesondere regional informieren, sich verantwortlich für Vorsichtsmaßnahmen fühlen und so die Voraussetzungen für weitere Lockerungen schaffen. Der kritische Erfolgsfaktor in den nächsten Wochen wird das Verhalten der Bootssportler sein. Wenn das funktioniert, dann habe ich einen vorsichtigen Optimismus…

MotorBoot Online:

Herr Weber, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Boots-Spaß mit Verantwortung

Allein oder mit der Familie aufs Boot? Eigentlich kein Problem auch in Corona-Zeiten. Die Eigenverantwortung sollte aber immer mit an Bord sein.

Erste Lockerungen für Bootsfahrer wurden bereits umgesetzt, unterscheiden sich jedoch von Bundesland zu Bundesland. Bei aller Ungeduld, aufs Wasser zu kommen, ist auch Einsicht notwendig: Die Restriktionen wurden nicht beschlossen, um Menschen den Freizeit-Spaß zu verderben, sondern die Ausbreitung einer unter Umständen tödlich verlaufenden Krankheit zu verhindern.

Je mehr wir uns im täglichen Umgang miteinander verantwortungsvoll, nachsichtig und tolerant verhalten, umso schneller haben wir die Chance wieder gemeinsam unbeschwerte Stunden an Bord zu erleben. Denn die gesellschaftspolitische Verantwortung beginnt letztlich bei jedem einzelnen.