Test Suncamper 30: Urlaubsgefühle…

Treffender könnte man ein Hausboot kaum typisieren – „Suncamper“, das trifft den symbolischen Nagel quasi auf den Kopf. Denn so ganz ist eine gewisse optische Affinität zur Fakultät auf festem Untergrund nicht von der Hand zu weisen. Wird darüber hinaus auch noch das großzügig bemessene Cockpit mit der dreigeteilten Persenning nach achtern verschlossen, ist die Assoziation zum Vorzelt fast perfekt. Sei’s drum, wer nicht „auf der Flucht“ ist und im wahrsten Sinne des Wortes komfortablem Wasserwandern den Vorzug gibt, der tut mit dem Suncamper 30 sicherlich keinen Fehlgriff – egal, ob im Charterbetrieb, aber auch als Privateigner.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die polnische Balt-Yacht-Werft im Bootsbaugeschäft aktiv und das nicht nur mit motorisierten Wasserfahrzeugen, auch Segelboote legt ein erfahrenes Mitarbeiterteam am Standort in Augustów auf Kiel. Und das bei weitem nicht nur für den heimischen Markt. Der Großteil der Produktion – seit dem Jahre 1990 einige zig-tausend Exponate – finden Abnehmer bei renommierten, europäischen Werften, die diese Schiffe schlussendlich unter eigenem Label in den Markt bringen. Auf der Motorbootschiene werden dort neben den zwei Suncamper-Ausführungen (Luxus und Classic), unter anderem auch ein sportlicher Kabinenkreuzer, die „Balt 545“, motorisierbar bis 74 kW (100 PS) und diverse Quicksilver und Arvor-Modelle produziert.

Der hier vorgestellt Testproband, bestückt mit einem 25er Außenborder des Typs Mercury, fällt insoweit aus dem Rahmen, als dass in der Standard-Ausführung ein 15,4 kW (21 PS) Diesel-Innenborder gelistet ist. Als maximale Power gibt die Werft 22 kW (30 PS) bei Außenborder an, wer sich für Diesel entscheidet, dem werden 29 kW (40 PS) zugebilligt. Bleibt noch die Wahl zwischen Wellenantrieb und Saildrive.

Dass diese Suncamper fraglos auch höhere Motorisierungen vertragen könnte, steht außer Zweifel. Jedoch aufgrund der Rumpfkonstruktion und unter ökonomischen Gesichtspunkten, wäre dies sicherlich eine kontraproduktive Vorgehensweise, denn zum Gleiter mutierte das knapp zehn Meter lange und rund drei Meter breite Schiff dennoch nicht, das immerhin annähernd dreieinhalb Tonnen Leergewicht auf die Waage bringt. Und obendrein wäre dann auch der Grundgedanke ans beschauliche Wasserwandern ad absurdum geführt..

Fahreigenschaften

Der Schwerpunkt des fahrtechnischen Konzeptes liegt zweifelsohne im Binnenbereich wie Seen und Kanäle. Auch küstennahe Gewässer lässt die Zertifizierung nach „C“ zu. Dann allerdings sollte möglichst auf die maximale Motorisierung optiert werden. Gleiches ist zu empfehlen, wer es vorzieht auf Fließgewässern seiner Freizeitgestaltung zu frönen.

Zugegeben, zu Beginn des Tests waren wir von der Kombination 25er Außenborder im Zusammenspiel mit einem Dreieinhalbtonnen-Boot nicht gerade überzeugt. Was soll da schon herauskommen?! Okay, dass aus dieser Symbiose niemals eine Rennziege werden würde, das war klar. Aber bewegt sich das Ding überhaupt zufriedenstellen vom Fleck? Und wie lange würde es dauern, bis „Volllast“ angesagt ist? Wir wurden rasch eines Besseren belehrt. Lediglich 20 Sekunden gingen ins Land bis „Seepferdchen 9“, das bei Bootscharter Keser in Berlin „Kapitäne auf Zeit“ in der Saison übers Wasser schippert, voll auf Touren kam. 5.500 U/min signalisierte der Drehzahlmesser bei „Hebel-auf-den-Tisch-Position“ und mit 11,3 km/h (6,1 kn) pflügte der Suncamper 30 durch die Berliner Gewässer. So sehr viel schneller ist da mancher Hollanddampfer auch nicht.

Klar auch, dass unter ökonomischem Aspekt diese Fahrstufe nicht dazu angetan ist, sich ihrer permanent zu bedienen. Und ob beim Wasserwandern elf oder nur 7,5 Kilometer pro Stunde abgespult werden, die bei reduzierter Drehzahl auf 3.500 U/min herauskommen, das sollte eigentlich egal sein. Relaxt am Fahrstand sitzend, beste Rundumsicht genießend, begleitet von einer nur sonor schnurrend wahrzunehmenden Geräuschkulissen der Größenordnung 60 dB(A), so ging’s dahin, völlig entspannt.

Damit wären die Fahreigenschaften eigentlich schon abgehakt. Doch halt, noch ein Wort zu den Manövriereigenschaften. Soll unter „volle Kanne“ eine 180°-Wende vollzogen werden – bei lediglich  4¼ Ruderumdrehungen von Seite zu Seite –  so muss davor unter Deck nicht alles festgezurrt werden, denn die Krängungsauswüchse bewegen sich in überschaubarem Rahmen, sind eigentlich gar nicht vorhanden. Bei den Drehkreisen notieren wir 1,5 bis zwei Bootslängen in jede Richtung, egal, ob über Stb. oder Bb., voraus oder nach achtern. Wird hingegen noch das Bugstrahlruder zusätzlich aktiviert, dann lässt sich der Suncamper problemlos in die engste Box auch von absoluten Greenhorns einparken. Unterm Strich: gutmütig und Einsteiger geeignet. Vorstellbar auch, nach der neuen Führerschein-Frei-Regelung, der Betrieb mit einem 11 kW-Motor (15 PS).

Abschließend zu diesem Kapitel sei noch der geringe Tiefgang von gerade `mal 50 Zentimeter gewürdigt, der es möglich macht, auch flachste Gewässer zu befahren oder an Ufern über Bug anzulegen, wo man sonst nur mit dem Beiboot hinkommt.

Ausstattung  und  Verarbeitung

Die Zeiten, als mit der Nase gerümpft wurde, ging es um Boote aus polnischer Produktion, gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Schließlich – wie eingangs bereits darauf hingewiesen – haben auch sie längst über den eigenen Tellerrand hinweggeschaut, dazugelernt und nicht von ungefähr „lässt man“ dort auch bauen. Noch machen’s konkurrenzfähige Löhne möglich, „noch“ rechnet es sich. Daher: Hier stimmt das Preis/Leistungsverhältnis und es wäre unfair, Vergleiche mit irgendwelchen Nobelmarken anstellen zu wollen, die auf Teufel komm `raus in Glanz und Glimmer zu überzeugen versuchen, koste es was es wolle.

Grundsolide, handwerkliche Arbeit, pfiffige, aus der Praxis geborene Ideen, modernes, jedoch nicht überzogenes Styling und ein Platzangebot, das auf den ersten Blick bei einer Länge von 9,50 Metern über Alles kaum zu vermuten ist. Hier ist jeder Quadratzentimeter sinnvoll ausgenutzt, ohne dabei Kompromisse gemacht zu haben.  

Im Vorschiff treffen wir auf die traditionelle V-Kabine, Schlafplatz bietend für zwei Personen auf dicker Polsterung. Nach achtern an Bb. schließt sich die Dinette an, umbaubar mit wenigen Handgriffen in ein „+2“-Doppelbett, tagsüber der Essplatz für vier Personen. Und schließlich auf gleicher Seite die Kombination aus Dusche und Toilettenraum. Alles in pflegeleichter Modulbauweise eingerichtet. Nach achtern schließlich die Schiebetür ins geräumige Cockpit, darunter die Unterflurkabine, ebenfalls für zwei Erwachsene konzipiert. Der Eingang zu diesem Bootsbereich mündet im Salon an Stb. direkt hinter der Pantry. Diese wiederum glänzt mit einem zweiflammigen Gaskocher, Rundspüle, Staufächern und Kühlschrank.

Schließlich der Arbeitsplatz des Rudergängers neben der seitlichen Schiebetür aufs breite Gangbord. Übersichtlich und klar gegliedert, ohne Schnickschnack, ergonomischen Vorgaben gerecht werdend mit bestens in der Hand liegendem Holzruder, nimmt der Mann/Frau an der Haspel auf einem horizontal verschieb- und drehbarem Steuerstandstuhl Platz, der auch stundenlanges Fahren ermüdungsfrei gestattet, derweil es sich Crew und Gäste sonnengeschützt unter dem verschiebbaren Dach im Cockpit gemütlich machen oder auf der Sonnenliege über dem Salondach räkeln. Dort hinauf führt eine VA-Sprossenleiter an Stb.

Wasserratten werden an der geräumigen Badeplattform achtern ihre helle Freude haben und wer auf die Suche nach dem Antrieb geht, der wird fündig in einem Schacht im Cockpit. Dort arbeitet der 25er Außenborder geräuscharm gekapselt. LED-Lichter im Salon, 230-V-Steckdosen, Spannungswandler, Heißwasserboiler, 200 Liter Frischwasser, 80 Liter Kraftstoffvolumen, Schiebefenster im Salon, der Fäkalientank mit Zerhacker, die Heckdusche, das ist nur ein kleiner Auszug aus der Liste der serienmäßigen Standards.

Somit fällt die Agenda der möglichen Extras nicht besonders üppig aus, haben wir es doch hier als Basisboot mit einem ziemlich fahrfertigen Schiff zu tun. Eine Sitzbank auf dem Vorschiff, Radio/CD/MP3-Player, die 11 kg Gasflasche, Fliegengitter, Antifouling und Osmoseschutz, Flatscreen-Navi am Steuerstand und gegebenenfalls stärkere Motorisierungen, das war’s dann auch schon. Und – wer einmal Kapitänsluft  auf Probe schnuppern möchte – dieses Seepferdchen kann bereits ab 650,- Euro pro Woche gemietet werden. Übernahmestationen in Werder an der Havel, Berlin-Spandau und Rechlin/Müritz.

Mein Fazit:

Auch wenn dieses Schiff laut CE-Zertifizierung für zehn Personen zugelassen ist, verleiten lassen sollte man sich dazu nicht, längere Törns mit voller Crewbesatzung abzuspulen. Vier People wäre die ideale Besatzung, zwei bis drei Luxus und wen der Dinette-Umbau nicht stört, der kommt auch zu sechst an Bord klar. Resümee: das optimale Boot fürs Reisen nach dem Motto „eile mit Weile“, preiswert und dennoch komfortabel.
Claus Breitenfeld
Balt Yachts Suncamper 30
Konstruktion/DesignBalt Yachts
HerstellerlandPolen
Motorisierung Test KW (PS):Mercury 25 EFI / 18 (25)
AntriebsartAußenborder
Preis Standard/Testschiff:ab 73000,-
  • 9,50m
  • 2,98m
  • 0,5m
  • 2,80m
  • 18-29KW / 25-40PS
  • GFK
  • 85l
  • 200l
  • 3300 (leer)kg
  • C
  • 10
  • 2 +1
  • 4 +2