Von Haarlem nach Zaandam

Nirgends präsentiert sich Holland typischer als auf der Route von Haarlem nach Zaandam. Flaches Polderland, zahlreiche Brücken, alle beweglich, Schleusen, historische Windmühlen und architektonisch interessante Industriegebäude: Abwechslung auf dieser geschichtsträchtigen Strecke ist garantiert.

Haarlem – Stadt mit Vergangenheit

Bevor die Leinen losgeworfen werden, wird Haarlem, der Provinzhauptstadt Nordhollands, noch  ein Besuch abgestattet. Wo die Grafen von Holland bereits im 12. Jahrhundert residierten, sind viele Gebäude und Relikte aus der Vergangenheit erhalten. Darunter das Amsterdamse Poort, eine Verteidigungsanlage aus dem 14. Jahrhundert. Aus der gleichen Epoche stammen der Große Markt und die Große Kirche. Mit den verträumten Innenhöfen, dem berühmten Frans Hals- oder dem Teylers Museum wird Haarlem ihrem Beinamen als Stadt der Innenhöfe und Künste gerecht.

Dem Flüsschen Spaarne Richtung Norden folgend,  liegen die Schleusen Spaarndam, in deren Nähe sich auch Liegeplätze befinden vor dem Bug.

Von den hunderten Mühlen entlang der Zaan sind nur noch einige wenige erhalten. Foto: I.B.

Eng mit der Geschichte des Ortes verbunden ist die Kolkschleuse. Bis Anfang 1200 war die Spaarne mit einem Damm vom Fluss Ij abgetrennt. Zur Regulierung des Wasserhaushalts wurde 1253 von Graf  Willem II. von Holland eine Kammerschleuse geplant und 1280 unter Graf Floris V. realisiert. Im Sog der nun möglichen Schifffahrt siedelten sich Segelmacher, Mastenbauer, Kolonialwarenhändler und Herbergsbetriebe in Spaarndam an. Auch die Fischerei florierte und machte Spaarndam als Aal-Dorf bekannt.

Nach Inbetriebnahme der Großen Schleuse, heute Rijnlandschleuse, im Jahr 1927 wurde die Kolkschleuse außer Dienst gestellt. Inzwischen restauriert und funktionstüchtig wird sie auf Anfrage bedient. Der Dorfkern von Spaarndam steht größtenteils unter Denkmalschutz. Neben Gebäuden aus vergangenen Jahrhunderten ist die Kirche aus dem Jahr 1627 sehenswert. Ebenso das Standbild von Hans Brinker, einer Romanfigur aus dem Amerikanischen, die ein Loch im Deich mit einem Finger abdichtet und so eine Überschwemmung verhindert.

Auf dem Zijkanaal C (Seitenkanal c) geht es Richtung Nordseekanal. Das Freizeitgebiet Spaarnwoude, in dem alle möglichen Sport- und Freizeitaktivitäten möglich sind, bleibt an Backbord zurück.

Obwohl von Harlem bis zum Nordseekanal auch Berufsschifffahrt verkehrt, ist das nichts im Vergleich zum Nordseekanal. Seeschiffe aller Art strömen Richtung Amsterdam oder Nordsee. Entsprechend unser Verhalten als Sportbootfahrer: äußerst Steuerbord halten. Schon bald können wir nach Backbord in den Zijkanaal D (Seitenkanal D) einbiegen, der in die Nauernasche Vaart mündet.

In Nauerna kann man im gleichnamigen Yachthafen anlegen. Der Ortskern weist noch einige Gebäude aus dem 17. Jahrhundert auf, darunter auch das Speicherhaus De Archangel. Sehenswert ist die restaurierte Mühle De Paauw mit dazugehöriger Mühlenscheune.

Ausgefallener Brückenname

Ackerbau und Weideland an Backbord. An Steuerbord lässt sich in der Ferne die Stadt Zaandam erahnen. Bis dahin sind es aber noch einige Kilometer. Bei Westzaan weckt die Brücke Vrouwenverdriet (Frauenverdruss) wegen ihres ausgefallenen Namens unsere Neugier. Über den Ursprung der Namensgebung existieren zwei Versionen. Eine besagt, dass hier die Frauen ihre Männer verabschiedeten, die auf dem Kanal Richtung See fuhren. Bei der zweiten geht man davon aus, dass die Arbeiter, die 1613 die Nauernasche Vaart aushoben, ihren Lohn gleich in der nahegelegenen Kneipe durchbrachten. Dies natürlich sehr zum Verdruss ihrer Ehefrauen.

Blick auf Zaandijk. Foto: I.B.

Krommenie ist der nächste Ort, der zu einem Stopp einlädt. Anlegen kann man an der Kade Noordervaartdijk. Inzwischen kann Krommenie auf eine 768jährige Vergangenheit zurückblicken. Davon standen drei Jahrhunderte unter dem Zeichen einer erfolgreichen Segeltuchmacher-Geschichte. Bei einem Rundgang trifft man auf die für die Zaan-Region typischen Holzhäuser mit grün-weißem Anstrich. Auch der Turm der 350 Jahre alten Kirche trägt die Farbe Grün.

Sobald die Bebauung Krommenies achteraus bleibt, schweift der Blick wieder über endloses Grünland.

Dort, wo die Nauernasche Vaart scharf nach Steuerbord abknickt und in die Zaan übergeht, liegen die Dörfer West- und Ost-Knollendam. Zum Anlegen, stehen am Westufer der Zaan gleich drei Yachthäfen zur Auswahl. Und in Wormerveer befindet sich ein Passantensteiger am Veerdijk.

Die Zaan – Wiege der holländischen Industrialisierung

Wormerveer früher bekannt für seine Ölwindmühlen, ist heute immer noch Standort der Kernöl verarbeitenden Industrie. Im 19. Jahrhundert siedelten sich weitere Industrien wie Kakao-, Schokoladen-, Mehl- und Reisverarbeitung an. Aus Platzgrünen haben viele Firmen Wormerveer inzwischen verlassen und sich an neuen Standorten niedergelassen. Die historischen Fabrikgebäude sind jedoch erhalten geblieben und ziehen wegen ihrer auffallenden Architektur die Blicke auf sich.

Zaanse Schans – mehr als ein Freilichtmuseum

Mit etwas Glück findet man am Passantensteiger der Zaanse Schans einen Liegeplatz, an dem 3 x 24 Stunden festgemacht werden darf. Andernfalls fährt man am besten in den Yachthafen De Onderlinge im De Poel. Von hier aus sind es nur fünf Minuten zu Fuß bis zur Zaanse Schans.

Holzhäuser mit grün-weißem Anstrich sind typisch  für die Zaan-Region. Foto: I.B.

Für Holland-Touristen ist die Zaanse Schans ein Muss. Mit Patrizier- und Arbeiterhäusern, kleinen Kanälen, Brücken und Windmühlen, stellt das Freilichtmuseum ein Wohngebiert im 17.  und 18. Jahrhundert im Zaan-Gebiet dar. Von den einst über hundert Mühlen entlang der Zaan sind heute nur noch einige wenige erhalten.

Da alle Gebäude und Mühlen bewohnt sind oder als Handwerkstätten genutzt werden, ist die Zaanse Schans eher ein historisches Viertel als Museum. Hier können Besucher den ersten Laden von Albert Heijn, heute eine große Supermarktkette in den Niederlanden, besichtigen. Traditionelles Handwerk wird im Bäckereimuseum, dem Uhrenmuseum, in einer Senfmühle, Böttcherei, Käserei und einer  Holzschuhwerkstatt demonstriert.

Wieder an Bord befahren wir die Zaan weiter. Allerdings im Schritttempo, damit die kunstvoll gestalteten Industriebauten entlang der Ufer ausgiebig bewundert werden können. Die meisten davon befinden sich wohl in Koog aan de Zaan. Denn bis vor dem zweiten Weltkrieg fanden hier bis zu 70 % der Bewohner aus der Region Arbeit und Brot. Viele der ehemaligen Fabrikgebäude sind restauriert und werden zu anderen Zwecken genutzt, z.B. als Restaurants, Büros oder Wohnungen direkt am Wasser.

Restaurierte und umgewidmete Industriebauten wie hier in Zaandam säumen den Fluss Zaan. Foto: NBTC

Zentrum des Zaan-Gebiets ist Zaandam, eine Stadt in der Großgemeinde Zaanstad, zu der Orte entlang des Flusses Zaan gehören. Berühmtheit erlangte Zaandam durch den russischen Zar Peter der Große. Dieser logierte 1697 in einem Arbeiterhaus im russischen Viertel um die Fertigkeit des Schiffszimmermanns zu erlernen. Das Zar-Peter-Haus ist Teil des Zaans-Museums und für Besucher geöffnet. Auf den ersten Blick ist das Holzhaus nicht als solches zu erkennen, denn um das historische Holzhaus vor Witterungseinflüssen zu schützen, erhielt es eine Hülle aus Stein. Im Zaans Museum gehören unter anderem auch Trachten, traditionell bemalte Möbel und Gegenstände des alltäglichen Lebens aus dem 19. Jahrhundert zu den Ausstellungsstücken. Von Zaanstad führt der Kurs zur. Wilhelmina-Schleuse. Auf der Voorzaan geht es dann Richtung Nordseekanal und zurück nach Haarlem. Fazit: Kilometermäßig eine überschaubare Runde, die jedoch einen großen Eindruck davon vermittelt, wie bedeutend die Zaan-Region in kulturhistorischer Hinsicht einst für die Provinz Nordholland war. Denn hier nahm die industrielle Revolution ihren Anfang.          I.B.