Test Aquanaut European Voyager II: Die “Admirals-Klasse”

Eine Aquanaut zu fahren oder gar zu besitzen, das birgt den besonderen Kick in sich. Dabei kommt es nicht unbedingt auf die Größe an. Allein, dass es eben eine Aquanaut ist, zeugt davon, dass der Eigner Stil hat und weiß was er will. Ist’s dann auch noch das jüngste Flaggschiff der „European Voyager II-Baureihe“, dann darf in diesem Zusammenhang schon von etwas Besonderem gesprochen werden. Claus D. Breitenfeld war bei einem Probeschlag vor den Toren Sneeks mit von der Partie.

Auf mehr als ein halbes Jahrhundert Tradition im Freizeit-Yachtbau kann Aquanaut zurückgreifen und aus einem Erfahrungsschatz schöpfen, den andere Werften sich erst noch erarbeiten müssen. Für Werftchef Mark Bakker ist der Bootsbau, das Fahren und der Kontakt zum Kunden nicht nur ein Geschäft, von dem er lebt, für ihn bedeutet das mehr. Zitat aus der jüngsten Produkt-Broschüre: „Seit es private Motoryachten gibt, gehört das Erlebnis, eine Aquanaut  zu fahren, zu jenen Ereignissen, die nur mit dem Herzen zu beschreiben sind. Allenfalls noch mit dem Bauch. Denn genau hier liegen seemännischer Mythos und maritime Begeisterung begründet, die durch den direkten Kontakt mit der Natur, dem Wasser, der Landschaft und der Begegnung mit gleichgesinnten Menschen genährt werden“. Wie wahr, wie treffend!

Schön, wenn sich dieses Erleben an oder von Bord eines Schiffes der 17-Meter-Klasse genießen lässt. Auch gut, wenn‘s `ne Nummer kleiner ausfällt. Denn auch da sollten angehende oder umsteigende Eigner fündig werden, schließlich kann Aquanaut so um die 30 der unterschiedlichsten Yachten im Portfolio präsentieren, die die Range von 11,65 bis 19,13 Metern Länge füllen. Zudem auch noch importierte GfK-Fremdfabrikate wie Aquador, Bella, Flipper und Monte Cristo, Yamarin-Fischerboote und das Yam-Schlauchboot-Programm. Darüber hinaus eine erkleckliche Anzahl an gepflegten, topüberholten Gebrauchtbooten.

Fahreigenschaften

Doch zurück zu unserem „Weißen Riesen“, der nach Werftchef Bakker in die „Admiral-Klasse“ einzusortieren ist. Allein die CE-Zertifizierung nach „B“, außerhalb von Küstengewässern, spricht Bände. Zwar hatten wir nicht die Möglichkeit, dieser European Voyager in dem ihr eigentlich zugedachten Revier auf den Zahn zu fühlen, dennoch ließ auch das Fahrverhalten im Binnenbereich explizit  Rückschlüsse auf die Manövriereigenschaften zu.

Wer den Aquanaut-Yachthafen im Herzen von Sneek kennt, der weiß, dass dort schon allein aufgrund der exponierten geografischen Lage ungern auch nur ein Quadratmeter Wasserfläche verschenkt wird. Entsprechend eng kann es daher dort schon `mal in der Saison zugehen.

Dennoch, das Handling mit dieser Voyager wird nach kurzer Eingewöhnung fast zum Kinderspiel, unterstützt von Bug- und Heckschraube und wer’s richtig drauf hat, allein mit der Doppelmotorisierung. Zugegeben, die elektronische Schaltung ist mit den zwei Hebelchen in ihrer Feinfühligkeit und dem filigranen Erscheinungsbild ein etwas überraschendes Attribut für ein Schiff, bei dem Stärke und Vertrauen absolut dominiert. Doch hat sich der Rudergänger erst einmal daran gewöhnt, möchte er sie sicherlich nicht mehr missen.

Ruhig, souverän, völlig ohne hektische Kurskorrektur, dank des lang durchgezogenen Kiels,  dampfen wir den Wäldfeart-Kanal mit 5,9 km/h (3,2 kn) bei 650 U/min niedrigster Drehzahl entlang, passieren dabei nur wenige Meter entfernt liegende kleinere Boote, ohne dass diese nennenswert von der so gut wie nicht vorhandenen Heckwelle ins Schaukeln gebracht werden. Im Wite Brekken angekommen, darf’s dann etwas zügiger sein. Aus ruhender Position die Hebel auf den Tisch gelegt, beschleunigen die beiden  Perkins M150Ti mit je 109 kW (148 PS) die Aquanaut innerhalb von etwa 30 Sekunden auf Vmax von 17,7 km/h (9,6 kn) bei einer Wassertiefe von gerade `mal ca. drei Metern unterm Kiel. Drehzahl 2.300 U/min. Kein schlechter Wert, der sich jedoch im freien, tiefen Wasser noch steigern dürfte.

Die Geschwindigkeit beibehaltend, das Ruder hart gelegt, egal ob über Bb. oder Stb., schätzen wir einen Drehkreis von 1,5 bis zwei Bootslängen. Dabei lässt sich der Rumpf kaum zu Krängungserscheinungen hinreißen, platt und plan beschreibt die Voyager ihre Kreise. Mühelos und ohne Kraftaufwand, das Umsteuern mit dem leichtgängigen Ruder von einer zur anderen Seite bei bester Rundumsicht vom exponierten Flybridge-Steuerstand aus. Als ökonomische Reisegeschwindigkeit legen wir uns bei 1.400 U/min fest, 12,2 km/h (6,6 kn), die bereits nach ca. 12 Sekunden erreicht wird. Alles in allem vorzügliche Werte, die ruhiges, gelassenes Törnen in Aussicht stellen.

Ausstattung  und  Verarbeitung

Wer bereit und in der Lage ist, jenseits der Mio-Schallgrenze in ein Schiff zu investieren, der wird und kann auch erwarten, dass ihm der entsprechende Gegenwert präsentiert wird. Da sollten Qualität, Bausubstanz und Finish in höchster Perfektion eine Selbstverständlichkeit sein. Bei einer Aquanaut allemal. Und dem ist auch so. Schiffe dieser Art daher im Detail ausstattungsmäßig zu würdigen, ist ebenso müßig, wie der Versuch, Portweintrinkern einen trockenen Franken schmackhaft machen zu wollen. Unterm Strich hat letztendlich der Eigner das Sagen in Sachen Aufteilung, Design und Einrichtung, denn Custom Build ist nun `mal Auftraggebers Wunsch. Ersparen wir uns daher dezidierte Details und legen die Konzentration aufs Wesentliche, das globale Konzept.

Lediglich ein Punkt sei des kritischen Kommentars gestattet: Flexiteak ist eine feine Sache. So gut wie wartungsfrei und pflegeleicht. Egal, ob in traditionellem Braun oder modernem Grau. Unser Testproband hingegen wurde mit strahlendem Weiß ausgerüstet, passend zum ebenso strahlenden Weiß des stählernen Kleides. Grundsätzlich sicherlich keine schlechte Idee, doch auf Dauer gesehen sicherlich eine überdenkenswerte Entscheidung. Denn auch Kunststoff-Teak verfügt über feine Oberflächenstrukturen in denen sich Schmutzpartikel festsetzen. Die optisch stets clean zu halten, ein schier aussichtsloses Unterfangen. Wie dem auch sei, das soll das allgemeine Erscheinungsbild dieses Vorzeigeschiffes nicht schmälern.

Beginnen wir unseren „Stubendurchgang“ im mondän gestalteten, zweigeteilten Salon. Die obere Etage teilt sich auf in den übersichtlichen Steuerstandbereich mittig, perfekter Pantry an Bb. und Stb. ein bequemes U-Sofa. Vorbei die Zeiten des „einsamen Rudergängers“, geselliges Beisammensein garantiert. Einen Stock tiefer der Hauptteil des Salons mit riesiger U-Sitzgruppe an Bb., gegenüber das Sideboard mit TV und Stauraum satt, was selbstredend auch für alle anderen erdenklichen Bereiche im Schiff gilt.

Der Weg in den Kabinentrakt führt an Bb. neben dem Steuerstand „in den Keller“. Mittschiffs die Kabine des Eigners mit direktem Zugang zu seinen Sanitärräumen, im Vorschiff ein Gästegemach, nur wenig kleiner als die Hauptkabine. Beide bestückt mit bequemen, freistehenden französischen Doppelbetten. Zwischen diesen beiden eine weitere Gästekabine mit Etagenbetten, darüber hinaus zusätzlicher Duschraum, Wachmaschine und Toilette.

Ebenerdig mit dem Salon schließt sich das gemütliche Cockpit mit Halbrundsitzgruppe an, getrennt durch eine schwere Schiebetür. Von hier aus der direkte Zugang auf die breiten, teilweise überdachten Gangbords und die feste Treppe hinauf auf die Fly. Dort empfängt die Crew ein bequemes Polster-Sitz-L, der zweite Steuerstand und das mittels Kran jederzeit leicht zu fierende Beiboot. Ein Freisitz per excellence in bestens manövriergeeigneter Position, der zweifelsohne zum bevorzugten Bereich an Bord bei entsprechendem Wetter sein dürfte.  

Mein Fazit:

Segler verstehen unter einem „Vollschiff“ die volle Takelage. Schwer übertragbar auf eine Motoryacht. Dennoch haben wir es auch bei dieser Aquanaut mit einer voll und bestens ausgestatteten Yacht zu tun, geradezu prädestiniert für Langzeittörns. Ein Schiff, das kaum Wünsche offen lässt, sei es technisch und qualitativ allemal nicht. „Prädikat wertvoll“ – eine Klassifizierung, die es auf den Punkt bringt.
Claus D. Breitenfeld
Aquanaut Yachting B.V. European Voyager II
Konstruktion/DesignAquanaut
HerstellerlandNiederlande
Motorisierung Test KW (PS):2 x Perkins M150Ti / je 110 (150)
AntriebsartWelle
Preis Standard/Testschiff:ab 1037860,-
  • 17,65m
  • 5,10m
  • 1,35m
  • 3,45m
  • 1x 184 - 2x 165KW / 1x 250 - 2x 225PS
  • Stahl
  • 3000l
  • 1200l
  • ca. 30000 (leer) / ca. 35000 (Test)kg
  • B
  • 8
  • 3
  • 6